Der 1. Brief

Hi Ester

Heute traf Dein Brief ein, ein nebliger und kalter Tag. Deshalb freute ich mich besonders um eine Ablenkung von den Zuständen draussen.

Dein Schreiben hat eine Saite in mir zum Klingen gebracht, welche ich nun nicht mehr ignorieren kann. Gewehrt habe ich mich lange. Der Realität ins Gesicht zu schauen, ist nicht einfach. Nun, fangen wir also an.

Seit einiger Zeit gibt es am Horizont Anzeichen dafür, dass sich eine grundlegende Veränderung in unserer Gesellschaft anbahnt. Eine der Veränderungen betrifft unsere Beziehung zur bezahlten Arbeit. Die stattfindenden, technischen Fortschritte hast Du ja sehr schön in Deinem Brief beschrieben.

Wie sich diese Fortschritte (und da geht es ja unter anderem auch um künstliche Intelligenz, Deep Learning etc.) entwickeln und wie der zeitliche Ablauf für deren Einsatz sein wird, möchte ich Dir, wenigstens aus meiner Sicht, kurz schildern.

Einige Mitmenschen, welche von den Veränderungen, wenigstens teilweise, Kenntnis genommen haben, verfallen leider in eine Dystopie (Anmerkung: Eine Dystopie, auch Antiutopie genannt, ist ein Gegenbild zur positiven Utopie, der Eutopie, und ist in der Literaturwissenschaft eine fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung mit negativem Ausgang). Andere wiederum sind fast über-euphorisch und sehen nur die positiven Aspekte. Ich denke, es werden beide Positionen in gewisser Hinsicht ihren Anteil an der Wahrheit haben. Aber was wichtiger ist, der Zeitpunkt ist Jetzt, nicht morgen, nicht in 5 bis 10 Jahren, sondern Jetzt.

Was mich deshalb sehr verstört, ist die fast absolute Ignoranz unserer Regierung, auf die bevorstehenden Veränderungen angemessen zu reagieren. Es sieht so aus, als wäre man sich nicht klar darüber, wie gross und umfassend sich die kommenden Ereignisse in unserer Gesellschaft auswirken werden. Eines dieser Ereignisse wird, wie bereits angedeutet, den Arbeitsmarkt betreffen. Wenn fast die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung ohne bezahlte Beschäftigung dastehen wird, also kein Einkommen mehr hat, ist dies eine Katastrophe. Und ich denke nicht, dass die Arbeitslosenkassen genügend Mittel zur Verfügung haben, um uns über längere Zeit zu unterstützen. Geschweige denn die Sozialämter, nach der Aussteuerung.

Die Frage stellt sich deshalb, weshalb die Regierung nichts tut, so als wäre sie gelähmt? Möglicherweise hat es damit zu tun, dass sie mit den Tagesgeschäften so sehr absorbiert ist, dass kein Platz für eine ‚Schau über den Tellerrand hinaus‘ mehr möglich ist?

Denn es gibt ja noch einen weiteren sehr wichtigen Aspekt bei den kommenden Veränderungen und das ist die Ausbildung unserer Kinder und Jugendlichen. Wenn diese nicht ganz schnell eine neue Art von Bildung erhalten, wird es für sie bereits zu spät sein. Denn das momentane Bildungssystem ist klar auf die Bedürfnisse der heutigen Wirtschaft ausgerichtet und bereitet in keiner Weise auf die Herausforderungen der nahen Zukunft vor.

Du siehst also, Ester, es ist schwierig und nicht schön, über diese Dinge zu schreiben. Dinge welche uns als Gesellschaft insgesamt betreffen und sehr bald einen Einfluss auf unser tägliches Leben haben werden.

Mein Gefühl entspricht dem heutigen Tag draussen: kalt und neblig.

Ich freue mich auf Deine Antwort und grüsse Dich herzlich.

Martin

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