Der 2. Brief

Hi Ester

Heute, als ich zum Briefkasten lief, war mir kalt. Der Winter ist zurückgekommen und es hat geschneit.

Dein Brief beeindruckte mich einmal mehr. Ich bin sehr froh über diesen schriftlichen Austausch. Er führt bei mir dazu, dass ich mich intensiver mit den Themen beschäftige.

Da Du in Deinem letzten Brief Fragen stellst, wie zum Beispiel: “Wie verhält sich eine Gesellschaft, welche ihrer ökonomischen Grundlage beraubt wird?“ Oder: “Siehst Du eine Lösung für unsere Gesellschaft in Bezug auf die kommenden Veränderungen?“ Habe ich mich intensiv mit Lösungsvorschlägen auseinander gesetzt und möchte Dir nun über ein paar Ergebnisse berichten.

Ich musste, während meinen Nachforschungen, feststellen, dass wir es hier mit einem äusserst komplexen und möglicherweise noch nie dagewesenen Problem zu tun haben. Und ich habe mich wirklich intensiv mit der Sache auseinander gesetzt. Das Erste was mir auffiel: Die heutige Beschäftigungsform ist neueren Datums. Damit meine ich das Chef – Angestellten Verhältnis oder anders gesagt, Eigentümer – Arbeiter. Dies gibt es erst seit ca. 200 Jahren. Eigentlich seit die Fabriken entstanden, während der 1. Industriellen Revolution und dem entstehen des modernen Kapitalismus.

Aber bei der heutigen 4. industriellen Revolution, gelten völlig andere Voraussetzungen. Lösungsansätze müssen zuerst überhaupt gefunden werden. Dies ist, nach meinen Erkenntnissen, auch der Grund, weshalb viele Mitmenschen die gewaltigen Dimensionen dieser 4. Revolution noch nicht sehen. Dasselbe Phänomen gilt leider auch ich bei den Regierungen. Denn bis vor einigen Jahrzehnten wurden neue Ideologien von der ‚Obrigkeit‘ im Voraus angedacht und angewendet. Da die neue Revolution jedoch viel rascher und unerwarteter kam, stehen nun Regierungen, Wissenschaftler und Bildungsakademiker vor einem grossen Problem. Es sind bisher praktisch keine Vorbereitungen getroffen worden, um den neuen Verhältnissen adäquat zu begegnen. Eigentlich eine Katastrophe.

Wir konnten 2016 über ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) abstimmen. Es wurde vom Souverän ‚verworfen‘. Aber 23.1% haben ein ‚Ja‘ in die Urne gelegt. Das sind 568‘905 Schweizer Bürger. Was jedoch danach noch kam, finde ich sehr erfreulich. Denn viele Menschen und Regierungen hatten ihr Augenmerk auf die Schweiz geworfen, um zu sehen, wie sich die Schweizer entscheiden. Diese Abstimmung gab deshalb einen breit gefächerten Anschub zu weltweiten Diskussionen. Denn es gibt sie, die Menschen, die bereits eingesehen haben, dass etwas getan werden muss, um die Zukunft nicht im Chaos versinken zu lassen. Und zwar Jetzt!

Die Diskussionen rund um das BGE werden also momentan geführt. Denn es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, wie es umgesetzt werden soll. Die Einen sehen es als wirklich ‚bedingungslos‘, als eine zusätzliche Einnahme, an nichts gebunden. Andere sehen es als Lohnbestandteil und es gibt noch weitere Ideen. Wie das ganze finanziert werden soll, ist noch nicht abschliessend geklärt, aber es gibt da interessante Vorstellungen dazu. Das führt uns nun gleich zur Frage, die in diesem Zusammenhang sehr wichtig werden könnte, wie entsteht eigentlich Geld?

Henry Ford, der Gründer der Ford Motor Company, sagte einmal folgendes: „Eigentlich ist es gut, dass die Menschen der Nation unser Bank- und Geldsystem nicht verstehen. Würden sie es nämlich, so hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh.“

Die Entstehung von Geld (Geldschöpfung) und die physische Herstellung von Geld sind nicht dasselbe. Heute ist die Menge an ‚Geld‘ als sogenanntes ‚Giral- oder Buchgeld‘ viel höher als das eigentliche, in Banknoten und Münzen vorhandene Geld (ca. 90% zu 10%). Und hier, liebe Ester, musst Du nun ganz besonders gut aufpassen. Denn die Menge des Geldes, welches auf unseren Konten liegt, entspricht somit nicht der Geldmenge, welche als Banknoten und Münzen im Umlauf ist.

Aber wie ist das möglich? Das ist möglich, weil die Geschäftsbanken selber Geld schöpfen können. Trotzdem 1891 vom Schweizer Volk den Geschäftsbanken verboten wurde, selber Banknoten und Münzen zu drucken, wurde dieser Volksentscheid umgangen, in dem die Geschäftsbanken einfach sogenanntes Buchgeld (Giralgeld) herstellen. Das ist also Geld, welches physisch gar nicht existiert. Damit umgehen sie das Verbot des Volkes und können also selbst Geld schöpfen und damit z.B. Immobilien und Wertschriften kaufen, oder an der Börse investieren. Gegenüber den anderen Unternehmen eine völlige Ungerechtigkeit, da diese auf Kredite und andere Geldquellen eben dieser Banken angewiesen sind und selber kein Geld ‚schöpfen‘ dürfen.

Um die Turbulenzen an den Finanzmärkten richtig zu verstehen, muss man etwas mehr als 40 Jahre zurückschauen. Genauer auf den 15. August 1971. Damals hob der amerikanische Präsident Richard Nixon die Goldbindung des Dollars auf und legte so den Grundstein für unser heutiges Wirtschaftssystem. Amerika weigerte sich von da an, den Dollar gegen eine festgelegte Menge Goldes einzutauschen. Der Gier waren damit keine Grenzen mehr gesetzt.

Glücklicherweise gibt es jetzt in unserem Land eine Gegenbewegung. Die ‚Vollgeld-Initiative‘ will den Geschäftsbanken die Möglichkeit nehmen, Geld zu schöpfen. Dieses Privileg soll alleine der Nationalbank zustehen. Das ist auf jeden Fall ein erster Schritt in die richtige Richtung. Es lohnt sich, die Initiative zu studieren.

Zurück zum BGE. Es ist eine Lösung von mehreren. Vielleicht wird auch das gesamte Geldsystem verändert oder vielleicht wird Geld sogar ganz abgeschafft. Wer weiss?

Ich hoffe, dass die beschriebenen Lösungsansätze zum Verständnis beitragen und die Dringlichkeit betonen, dass jetzt etwas getan werden muss.

Danke fürs Mitdenken!

Herzlichst
Martin

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